Interview mit David Luna: „Oft sagt der Chef: ‚Ich will keine Probleme hören! Ich will Lösungen!‘ Das ist nachvollziehbar, aber falsch.“

07.02.2020

Seit vielen Jahren begleitet der Digitalisierungsexperte David Luna von GAMMA Digital & Beyond vor allem mittelständische Unternehmen auf ihrem Weg zur digitalen Transformation. Warum Innovationen Freiraum benötigen und welche Fehler viele Entscheider bei Digitalisierungsvorhaben machen, erzählt er im ersten Teil unseres Interviews.

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Hallo David, du hast in deiner Karriere schon so manches Digitalisierungprojekt begleitet. Was sind die typischen Herausforderungen in solchen Projekten?


Der Mittelstand, mit dem ich es primär zu tun habe, kämpft häufig mit den gleichen Herausforderungen, jedoch in unterschiedlicher Ausprägung. Während die einen ihre Innovationszyklen beschleunigen möchten, versuchen andere neue Innovationsmethodiken und Arbeitsweisen zu etablieren. Und dann gibt es auch die Unternehmen, die neue Geschäftsmodelle für sich identifizieren und entwickeln wollen. Demnach liegen die Probleme entlang des gesamten Innovationslebenszykluses, von der Idee bis zum Geschäftsmodell.


Welche Fehler machen Entscheider, wenn es um die Digitalisierung geht?


Sie gehen davon aus, dass sie ihre Kunden bereits kennen – schließlich sind sie schon seit Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft. Die Entscheider meinen zu wissen, welche Probleme der Kunde hat und mit welchen kreativen Ideen man diesen begegnen kann.Das ist ein Fehler, den leider viele begehen. Wir Menschen sind lösungsorientiert veranlagt und das ist auch gut so, denn das bringt schnelle Ergebnisse. Oft sagt der Chef: "Ich will keine Probleme hören! Ich will Lösungen!" Das ist nachvollziehbar, aber falsch.


Was wäre aus deiner Sicht besser?


Unternehmen müssen die Probleme nicht nur erkennen, sondern sie auch verstehen. Erst dann, können sie wirklich innovativ sein. Konkret heißt das: Wir müssen den Problemraum, in dem wir das Problem erst verstehen und durchdringen, ganz klar vom Lösungsraum, in dem wir uns Gedanken über die Lösung machen, trennen.


Das Generieren guter Ideen ist nur ein kleiner Teil, das Verständnis und später der Test dieser Ideen mit dem Nutzer sind sehr viel aufwendiger. Aber nur so können Unternehmen sicher sein, dass ihre guten Ideen auch relevant sind und ein kommerziell erfolgreiches Produkt entstehen kann, das der Kunde wirklich braucht.


Oft erlebe ich, dass Kundenwünsche mit Bedürfnissen gleichgesetzt werden. Sicher ist es einfach, Kunden nach ihren Wünschen zu fragen. Aber selten ist es auch das, was die Kunden wirklich brauchen! Das gilt übrigens für die meisten Projekte, nicht nur im Digitalisierungskontext.


Wie können Unternehmen sicherstellen, dass sich ein solches Projekt am Ende lohnt?


Innovationsprojekte sind von ihrem Wesen nicht so messbar wie Lageroptimierungsprojekte, bei dem die Ergebnisse weitestgehend klar sind. In Innovationsprojekten, bei denen es um radikale oder disruptive Innovationen geht, arbeitet man fast immer ergebnisoffen.


Die klassischen Kennzahlen lassen sich hier nicht sinnvoll anwenden. Stattdessen sollten Ziele definiert werden. Ein Ziel könnte lauten, dass ein Kundenteam befähigt werden soll, Geschäftsmodelle, Prozesse und Strukturen schnell und konsequent zu verändern, anzupassen und im Unternehmen zu etablieren. Damit dieser agile Ansatz in der Unternehmens-DNA auch tatsächlich zum Tragen kommt, muss der Kunde ganz stark dem Berater, dessen Methodik und Erfahrung vertrauen. Schließlich geht es größtenteils um kreative Ergebnisse und weniger um konkrete Optimierungskennzahlen.


Und wo lauern typische Kostenfallen?


Typische Kostenfallen sind meines Erachtens Dinge, mit denen das Unternehmen vorher nicht gerechnet hat, wie zum Beispiel Entscheidungsprozesse, die beim Kunden deutlich länger brauchen als eingeplant. Das kann jedoch vermieden werden, indem der Projektsponsor – bestenfalls in Person des Vorstandes oder Geschäftsführers – direkt ein Auge auf das Projekt hat und diese „Hürden“ schnell und unbürokratisch aus dem Weg räumt. Gerade bei Innovationsprojekten, in denen oft innerhalb von wenigen Monaten valide Geschäftsmodelle identifiziert und getestet werden sollen, sind solche Vereinbarungen für den Erfolg ausschlaggebend.


Sicher wird auch der Personalbedarf unterschätzt.


Definitiv. Das Thema Innovation kann nicht einfach mal neben der eigentlichen Arbeit vom Kundenprojektteam erledigt werden. Innovation braucht Zeit und Freiraum. Das jeweilige Projektteam muss von seinem normalen Tagesgeschäft freigestellt oder zumindest deutlich entlastet werden. Übrigens schließt das auch eine Anpassung der monetären Ziele der einzelnen Mitarbeiter ein.


Die wenigsten können nämlich ihre Arbeitstage frei und zielgerichtet gestalten. Viele werden durch E-Mails, Anrufe oder Besprechungen sprichwörtlich getrieben. Wie soll man da Neues schaffen?


Einige Unternehmen haben eigene Innovation Labs ins Leben gerufen. Braucht es diese entkoppelten Kreativräume?


Damit Innovation gelingen kann, braucht es einen geschützten Ort, der sowohl räumlich als auch organisatorisch von der Kernorganisation getrennt ist. Ein Raum, in dem es sich losgelöst vom Effizienzdenken und -handeln arbeiten lässt – ohne, dass „unpassende“ Prozesse in die Quere kommen.


Im zweiten Teil unseres Interviews beleuchten wir nicht nur die „Hidden Champions“ der Digitalisierung, sondern klären auch, warum die Digitalisierung kein Allheilmittel ist.


Veranstaltungshinweis: Am 26. März 2020 sprechen wir mit David Luna und Unternehmensvertretern von der Bayer AG, der IAV GmbH oder den Schweizerischen Bundesbahnen SBB in Berlin über die Chancen und Hürden digitaler Prozesse und Anwendungen. Weitere Informationen zur Veranstaltung gibt es unter www.techbar.berlin